Ressourcen auf der Spur

vom 10. September 2014

Den Ressourcen auf der Spur – im Land von Tausendundeine Nacht
Weitab vom beruflichen Alltag sich für die Idee einer ganz anderen Art von Tagung begeistern lassen und dabei mit allen Sinnen lernen.

Der Bus biegt in eine schmale Sandstrasse – folgt dem bunt gemalten Schild „Riad Lamane“. Der Weg wird enger, bis am Ende ein von Lehmwänden umsäumter Platz auftaucht. Trommelwirbel, tanzende und lachende Menschen empfangen die Weitgereisten. Manche lassen sich anstecken, tanzen mit. Andere stehen da und nehmen den Moment wahr. Für einige ist es ein Wiedersehen mit diesem besonderen Ort in Marokko, am Rande der Wüste. Die meisten der Teilnehmenden sind zum ersten Mal in Amessrou – ein kleiner Ort ausserhalb von Zagora, nahe des Atlas-Gebirges.
Die Trommler ziehen voran, durch das Eingangstor in das – wie eine Kasbah – angeordnete Riad. Spätestens hier – in der Palmenhain-Oase – verfliegt die Müdigkeit nach der langen Reise aus dem nördlichen Winter in das Land von „Tausendundeine Nacht“.

Über das Doppelbett wölbt sich ein türkis-gelb schimmernder Baldachin, die Wände des Zelthauses sind aus Lehm; unsere Unterkunft für die nächsten sieben Tage. Jedes Haus im Riad ist ein Unikat und mit seiner Farbgebung in der Ausstattung eine Augenweide. Handwerklich begabte Männer und Frauen sowie Kunstschaffende aus der Region haben hier projektmässig nach einer Idee von Mohammed El Hachimi eine besondere Oase geschaffen.

Und deswegen sind wir hier.

Dieser Ort passt zu der Trialogie-Idee von Liane Stephan, Tom Levold und Mohammed El Hachimi, Tagungen der ganz anderen Art anzubieten. Das Riad Lamane bietet dafür einen aussergewöhnlichen Rahmen, der Raum für Neues schafft, weitab vom beruflichen Alltag.
Morgens führt der Weg nach einem stärkenden Frühstücksbuffet bei noch frischen Temperaturen – Marokko ist ein kaltes Land mit einer heissen Sonne – vom Riad durch die Hintertür über den Sandweg auf ein Stück Ackerland, in das eigens für die Tagung errichtete Zelt. Wer später kommt, reiht seine Schuhe in die Parade auf dem Läufer vor dem Zelt ein. Drinnen laden Teppiche und Kissen ein – auf denen die rund 50 Teilnehmenden in einem grossen Kreis Platz nehmen.
Der morgendliche Impuls, mit jeweils sehr persönlichen Statements der Leitenden zu Mut, Angst, Scham, Macht und Vertrauen, begleitet die Teilnehmenden in den Tag, setzt in Bewegung und eröffnet neue Zugänge. Den Raum dafür bieten die Workshops wie Malen, poetisches Denken, Fotografieren oder Theaterspielen. Und was hier gesucht, gefunden, verworfen, wieder gefunden, neu entdeckt und erfahren wird – kann später in vermischten Workshop-Gruppen ausgetauscht werden. Auch ob und wie der Transfer des Entdeckten in den beruflichen Alltag gelingen kann.
 Wer will, stellt sich am Anfang eine Frage – und bekommt am Ende der Tagung die Antwort.

Wie überwinde ich meine Schreibblockade? Welches Motiv nehme ich zum Thema „Meine Zukunft“ vor die Linse? Mit der Scham oder dem Vertrauen gestalterisch umgehen, ob mit Farben oder in szenischer Darstellung. So nähern wir uns im kreativen Tun unseren – neuen oder verlorenen geglaubten – Ressourcen und staunen dabei über uns und die anderen. Interessant jeweils auch der Input am Nachmittag des Beobachters, der auf Metaebene die Tagung begleitet. Dazwischen rhythmische Sequenzen als gruppenvereinendes Element.

Kreativität braucht schöpferische Pausen.

Im Riad bieten lauschige Plätze unter Palmen Raum für Begegnungen – mit sich und anderen. Da sitzt der alte Berber auf dem Boden – gekleidet in ein langes Gewand, den traditionellen „Djallabah“ – und schenkt lächelnd Tee aus. Gekonnt giesst er den marokkanischen Pfefferminztee aus beachtlicher Höhe in die kleinen Gläser. Üppig beladene Teller mit saftigen Orangen, Mandeln und Datteln lassen zwischendurch ans Paradies denken. Zu den Mahlzeiten lockt mittags das Büffet unter freiem Himmel, abends wird das Geheimnis der Küche unter preisgekröntem Zeltdach gelüftet, wenn die freundlichen Männer des Service den Deckel der Tajine hochheben. Alles kommt frisch auf den Tisch. Das Gemüse ist selbst angebaut, das Fleisch stammt aus eigener Tierhaltung.

Spaziergänge durchs Dorf entführen in eine andere Welt: der wöchentliche Bauernmarkt in Zagora ist ein Fest für alle Sinne. Und wenn nach einer halben Stunde zähen Verhandelns der Preis für die getöpferte Schale sich um Wesentliches reduziert hat – als Bonus ein Armband dabei liegt, dann sind Käuferin und Verkäufer gleichermassen beglückt.

Diese im Aussen erfahrenen Sinneseindrücke beflügeln die Fantasie.

Sie beleben die Intuition und zeigen sich in den Prozessen der Gruppe sowie jedes einzelnen. Wie bei der Teilnehmerin, aus deren Feder expressionistische Gedichte nur so heraus fliessen; der Vergleich mit der Schreibe von Else Lasker-Schüler ist nicht weit.
Und dann zieht die Tagungskarawane für eine Nacht in die Wüste: Warmer Tierrücken, Trommeln, Tee, Essen, Singen, Tanzen, Feuerstelle, Geschichten, Schweigen, Schlafen unter Sternenhimmel. Und eine Stille in der Wüste, die man hören kann. Wie Tausend und eine Nacht.

Die Performances zeigen am Ende die ungeheuer kreative Vielfalt der Teilnehmenden. Eine beglückende Woche geht zu Ende und auf die Frage nach den fünf eindrücklichen Erinnerungen an die 1. Trialogie-Tagung re-source im Februar 2014 hier die spontane Antwort eines Teilnehmenden: „Sympathische Menschen, gute Fachlichkeit, abwechslungsreich, emotionale Tankstelle und malerische Umgebung.“

Beitrag von Petra Wälti-Symanzik

Infos zur jährlichen Tagung in Marokko: www.trialogie.com

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