Achtsamkeit beim Coaching

vom 5. März 2015

Welche Bedeutsamkeit kann Achtsamkeit im systemischen Coaching haben?

Achtsamkeit ist in aller Munde. Bis vor kurzem noch belächeltes esoterisches Thema, treibt es sich jetzt auf den Managementetagen herum. Jede zweite Trainings- oder Managementzeitschrift berichtet etwas, dass mit dem Thema Achtsamkeit zu tun hat.

In der sich rasant entwickelnden Unternehmenswelt wird alles dichter und schneller. Der ständige Wandlungsprozess verlangt sehr viel Flexibilität – insbesondere von Führungskräften. Es gibt kaum noch Zeitnischen, in denen Selbstreflektion oder kreatives Innovationsdenken möglich sind. Viele Führungskräfte haben am Ende des Tages ihre Liste bei weitem nicht abgearbeitet. Im Gegenteil, es sind noch mehr to do´s hinzugekommen.
Die zunehmende Entwicklung zu einer Wissensgesellschaft inklusive der entsprechenden Informationsmedien und die dadurch entstehende Informationsflut verlangt dem Geist viel ab. In dieser Komplexität wundert es nicht, wenn das Thema Achtsamkeit Aufmerksamkeit bekommt.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist eine grundsätzliche Fähigkeit des menschlichen Geistes. Sie ist das Gewahrsein im gegenwärtigen Moment, absichtsvoll und ohne Wertung auf sich selbst gerichtet und auf Andere. Es ist ein Zustand der Entspanntheit bei gleichzeitig hoher Präsenz. In dieser Präsenz sind Herz, Geist und Körper synchronisiert.
Achtsamkeitsmeditation trainiert diese Art von Gewahrsein und ist gleichzeitig viel mehr als das. Das Zusammentreffen dieser 2500 Jahre alten Tradition der Geistesschulung mit den modernen Neurowissenschaften hat eine Flut von Erkenntnissen über die starke Wirkung von Achtsamkeit hervorgebracht – bis hin zu deren Bedeutung in der Entwicklung von emotionaler Intelligenz und authentischen Führungsqualitäten.

„Im Gegensatz zur verbreiteten Ansicht ist die Kultivierung von Achtsamkeit nicht nur ‚nett‘ oder dient privaten Zwecken. Sie ist essentiell, um gute Führung aufrecht zu halten und kann einer der wichtigsten Schritte unseres Lebens sein, um nach und nach unsere Effektivität als Führungskraft zu verbessern.“

– Mindfulness – An essential aspect of resonant leadership – Harvard Business Review – Boyatzis and McKee

Vor welchen Herausforderungen steht ein Coach heute?

2001 hat eine Gruppe (Miller, Duncan und Hubble) eine Metaanalyse der Wirkfaktoren von therapeutischen Prozessen untersucht.
Positive Therapie-Ergebnisse setzen sich nach den Recherchen der Studiengruppe aus folgenden Wirkfaktoren zusammen:

  • 40 % Anteil der KlientInnen und ihrer Umgebung
  • 30 % Anteil der therapeutischen Beziehung
  • 15 % Anteil der theoretischen / technischen Orientierung der TherapeutInnen
  • 15 % Placebofaktoren wie Glaube an die Wirksamkeit der Therapie

Wir sehen, dass dies durchaus auch auf Coachingprozesse übertragbar ist, auch wenn diese in der Regel wesentlich kürzer sind. Das bedeutet, dass die Fähigkeit des Coaches, eine gute Beziehung zum Coachee aufzubauen, ausschlaggebend für den Erfolg ist. Um Beziehungen aufzubauen, braucht ein Coach Selbstkenntnis und ein Gewahrsein über den Anderen. Achtsamkeit kann hier ein Schlüssel für diese Basisfähigkeit sein.

Als systemischer Coach erfolgreich zu arbeiten, verlangt heute mit einer hohen Komplexität umgehen zu können. Führungskräfte brauchen nicht mehr nur einen Coach, um schneller zum Ziel zu gelangen. Sie benötigen persönliche Unterstützung, sind häufig ausgebrannt, wünschen sich Input, und wollen schnelle Lösungen – am besten direkt vom Coach. Hinzu kommt in einer komplexen Situation die richtigen Informationen heraus filtern zu müssen. Da kann das Coaching ein Ort sein, in dem man zur Ruhe kommt, um einen klaren Überblick und Entscheidungsfähigkeit zurück zu erlangen.
Der Coach, der in einer solchen Situation kein Standing hat, der nicht mit sich selbst im Reinen ist, kann schnell selbst ins Straucheln geraten. Wir sehen für die zukünftigen Coaches Achtsamkeit als eine der Kernkompetenzen an, um mit den Bedingungen, Anforderungen und Sehnsüchten der Coachees adäquat umgehen zu können.

Achtsamkeit schult den Coach auf acht Ebenen

  • Präsenz
  • Emotionen wahrnehmen und regulieren
  • Achtsames zuhören – achtsame Sprache
  • Authentisch sein
  • Resonanzen bewusst wahrnehmen
  • Perspektivwechsel und Mitgefühl
  • Klarheit, Nicht-Verführbarkeit und Beharrlichkeit
  • Haltung der nichtwertenden NeugierdeCoach sein ist ein Beruf. Ein Beruf braucht eine solide Ausbildung. Neben den Tools, der persönlichen Entwicklung, dem Verständnis von Systemdynamiken und Prozessgestaltungen, ist Achtsamkeit aus meiner Sicht ein Schlüssel und eine Brücke, um all dieses Wissen mit Wachheit und Intelligenz in den Coachingprozess einzubringen.

    Artikel von Liane Stephan

 

Teilen Sie diesen Beitrag: