Achtsamkeit an den Arbeitsplatz bringen

vom 5. März 2015

Achtsamkeitspraxis ist eine 2500 Jahre alte Tradition und wurde ursprünglich vor allem in abgelegenen buddhistischen Klöstern praktiziert. Heute wird Achtsamkeit in unserer schnellen westlichen Welt geübt, ergründet und angewendet. Unser Gehirn oder Geist hat die angeborene Fähigkeit achtsam zu sein. Es ist nichts, was wir neu erlernen müssten – Achtsamkeit ist eher etwas, das wir weiter kultivieren und stärken.
Es gibt heute viele Achtsamkeitsmethoden, die sich aus der altehrwürdigen Achtsamkeitsmeditation entwickelt haben, und welche sich sehr gut in den Arbeitsalltag integrieren lassen. Durch die Einführung angewandter Achtsamkeitspraxis können Firmen und Organisationen heute wissenschaftliche Erkenntnisse über Achtsamkeit und Neurophysiologie in ihren Unternehmensalltag und ihre Unternehmenskultur integrieren.

Die neurophysiologische Forschung sowie die Erfahrung einer Reihe innovativer Firmen, die mit neuen Ansätzen von Bildung und Mitarbeiterentwicklung experimentierten, haben erwiesen, dass Achtsamkeit wesentlich zur Reduktion von Stress und Widerstandskraft (Resilienz) beitragen kann, emotionale Intelligenz und Kooperationsbereitschaft fördert. Zudem bringt das rückhaltlose, volle Einlassen auf den gegenwärtigen Moment Authentizität und Vertrauen, ein reifes, reflektiertes Auftreten und eine entsprechende Lebensweise.
Auf dieser Basis etabliert sich die Achtsamkeitsschulung immer mehr als effektives und transformatives Training am Arbeitsplatz. Dies sind einige Varianten, wie Achtsamkeit heute in der Arbeitswelt angewendet wird:

Viele Workshops und Seminare beinhalten eine kurze Einführung in die Meditation, um einen ersten Geschmack von Achtsamkeitstechniken zu vermitteln.
In den Gesundheitsmanagement-Angeboten der Unternehmen gibt es immer häufiger auch Achtsamkeitskurse zur Stressbewältigung und Resilienzförderung.
In Führungskräftetrainings bieten die Firmen einen Mix von Achtsamkeitstechniken zusammen mit neurophysiologischen Inhalten an, mit dem Ziel der Entwicklung von Klarheit, Fokus, emotionaler Intelligenz und produktiver Zusammenarbeit.
Schließlich experimentieren viele Firmen mit einfachen Achtsamkeitspraktiken, die in typische Arbeitssituationen integriert werden können, zur Verminderung der Fragmentierung und des hohen Tempos im Arbeitstag.
Aber auch wenn Achtsamkeit mittlerweile im Bereich der persönlichen Entwicklung, Gesundheitspflege und Bildung einen festen Platz einnimmt, ist fraglich, ob sie sich so einfach an den Arbeitsplatz übertragen lässt. Die Arbeitswelt ist anders und erfordert eine Anpassung der Methodik, damit Achtsamkeit ihren nutzbringenden Effekt entfalten kann. Einige Punkte, die zu bedenken sind:

Motivation
Menschen, die aus spirituellem Interesse mit Achtsamkeitspraxis beginnen, oder weil sie sich im Erholungsprozess nach Erschöpfung/Burn-out befinden, sind typischerweise den transformativen Aspekten von Achtsamkeitspraktiken gegenüber aufgeschlossen. Am Arbeitsplatz ist das nicht unbedingt der Fall. Dazu kommt, dass dort der Fokus verstärkt auf messbare, feststellbare, vielleicht sogar für die Geschäftsbilanz relevante Ergebnisse gerichtet ist. Das hat natürlich einen Einfluss darauf, wie man sich dem Thema Meditation nähert.

Umgebung
Normalerweise ist der räumliche und zeitliche Rahmen am Arbeitsplatz eingeschränkt und erfordert eine sehr fokussierte Einführung in das Thema Achtsamkeit.
Anwendung – Da die Trainings entweder selbst bezahlt oder von den Firmen beauftragt werden, besteht eine höhere Betonung auf der Anwendung von Achtsamkeit und nicht in erster Linie auf dem Aspekt der persönlichen Transformation. Traditionell nennt man diesen Aspekt Achtsamkeit im Handeln.

Kognitive Aspekte
Im Allgemeinen ist das Bildungsniveau der Personen, die mit Achtsamkeitsmethoden am Arbeitsplatz bekannt gemacht werden, recht hoch. Daher ist es nötig, auch eine klare, verständliche, durch Fakten gestützte Erklärung sowie den neurophysiologischen Hintergrund der Wirkung von Achtsamkeitsmeditation zu liefern. Das ist besonders deshalb wichtig, weil viele Teilnehmer an der für den Führungsalltag in der Organisation relevanten Anwendung interessiert sind, und manchmal eben weniger an dem Aspekt persönlicher Transformation. Deshalb ist ein klares kognitives Verständnis des Prozesses der Achtsamkeitsentwicklung auch wichtig.

Schließlich ist es wesentlich, worum es bei der Achtsamkeit insgesamt geht. Im Kern ist Achtsamkeit gar nicht zielorientiert. Ihre tiefere Bedeutung erschließt sich nur dann, wenn man die ihr zugrunde liegenden ethischen Gesichtspunkte und Verhaltensaspekte versteht und einbezieht. Die Gefahr ist, dass am Arbeitsplatz Achtsamkeit sehr zielorientiert geübt wird und der ethische oder historische Hintergrund vernachlässigt wird. Das würde bedeuten, dass Achtsamkeit instrumentalisiert wird und sie dadurch viel von ihrer ursprünglichen Wirkkraft verliert.

Es erfordert ein Bewusstsein darüber, ein tiefes Einlassen und viel Übung der Achtsamkeitspraktiken, dann werden die Authentizität und ihre Kraft bewahrt. Die ursprüngliche Form der Achtsamkeit zu üben heißt in jeder Umgebung ganz geistesgegenwärtig und präsent zu sein. Echte Präsenz kann niemals instrumentalisiert werden.
Artikel von Liane Stephan

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